Wer im Schulter- oder Armbereich öfter Kribbeln oder Taubheitsgefühle bemerkt, stößt womöglich auf das Thoracic Outlet Syndrom (TOS). Der betroffene Bereich verläuft vom Hals Richtung Brustkorb, wo Nerven und Gefäße auf engem Raum passieren. Eine Enge kann zu einem Nervenkompressionssyndrom führen. Hier lesen Sie, was hinter dem Problem steckt und wie man handeln kann.
Was ist das Thoracic Outlet Syndrom (TOS)?
Beim Thoracic Outlet Syndrom wird ein Engpass im oberen Brustabschnitt beschrieben. Dort ziehen Plexus brachialis und Blutgefäße (Arterie oder Vene) hindurch. Selbst geringfügige anatomische Abweichungen wie eine Halsrippe können für Beschwerden sorgen (Jones et al., 2019). Kostoklavikularsyndrom oder Skalenus-Anticus-Syndrom sind frühere Bezeichnungen.
Wie erkenne ich die häufigsten Symptome eines TOS?
Ein verbreitetes Signal sind Kribbeln, Taubheit oder ziehende Schmerzen in Hand und Arm (Sanders et al., 2007). Manche verspüren nachts ein „Einschlafen“ der Finger oder spüren rasche Müdigkeit, wenn sie länger in einer Schulter-abgewinkelten Position verweilen. Der Auslöser ist oft eine Kompression von Nerven beziehungsweise Blutgefäßen, die bei bestimmten Armhaltungen intensiver wird.
Welche Ursachen und Risikofaktoren führen zum Thoracic Outlet Syndrom?
Eine zusätzliche Halsrippe kann TOS auslösen (Stewman et al., 2014). Fehlhaltungen oder muskuläre Verspannungen im Nacken-Schulter-Bereich spielen ebenfalls eine Rolle (Grunebach et al., 2015). Sportarten mit intensiven Überkopftätigkeiten, wie Volleyball, oder repetitive Montagetätigkeiten am Arbeitsplatz belasten den Schultergürtel. Verletzungen oder knöcherne Veränderungen sind ein weiterer möglicher Faktor.
Welche Symptome treten beim Thoracic Outlet Syndrom auf (Klinische Präsentation)?
TOS kann sich mit Beschwerden im Hals-Nacken-Gebiet und tauben Fingern zeigen (Atasoy, 2010). Sind Gefäße eingeengt, treten gelegentlich Durchblutungsstörungen auf (z. B. Farbveränderungen oder Schwellungen). Weil diverse andere Krankheitsbilder ähnliche Beschwerden verursachen, wird TOS mitunter übersehen. Fachleute müssen daher konkret danach suchen, wenn Symptome nicht eindeutig sind.
Welche Haupttypen des Thoracic Outlet Syndroms gibt es?
- Neurogenes TOS (nTOS)
- Engpass im Plexus brachialis, was am häufigsten vorkommt (Hooper et al., 2010).
- Venöses TOS (vTOS)
- Beeinträchtigung der Vena subclavia oder axillaris. Eventuell mit Schwellungen verbunden (Panther et al., 2022).
- Arterielles TOS (aTOS)
- Sehr selten. Betrifft die Arteria subclavia oder axillaris und kann ischämische Beschwerden hervorrufen (Kuhn et al., 2015).
Wie läuft die Diagnose ab und welche Tests werden zur Erkennung des TOS eingesetzt?
Zunächst nimmt man die Krankengeschichte auf. Danach folgen klinische Tests wie der Adson-Test oder der Roos-Test (Ohman & Thompson, 2020). Besteht ein Verdacht, klären Röntgen, MRT, CT oder Duplex-Sonografie, ob eventuell eine Halsrippe oder knöcherne Veränderung besteht (Hixson et al., 2017). Eine neurologische Diagnostik unterscheidet, ob ein klarer Befund (true TOS) oder ein „strittiger“ Fall (disputed TOS) vorliegt (Stewman et al., 2014).
Welche Behandlungsmöglichkeiten gibt es bei einem TOS (konservativ vs. operativ)?
Die Mehrheit startet mit konservativen Schritten: Physiotherapie, Medikamente zur Schmerzlinderung sowie punktuelle Injektionen (Brooke & Freischlag, 2010). Wer Fehlhaltungen oder muskuläre Dysbalancen aufweist, kann mit gezielten Maßnahmen gegensteuern. Ist eine starke Gefäßverengung vorhanden oder helfen konservative Ansätze nicht weiter, kommt ein operativer Eingriff in Betracht (Sanders & Hammond, 2007). Üblicherweise entfernt man dann die erste Rippe oder löst verwachsene Gewebestrukturen.
Wie sieht die Physiotherapie bzw. Rehabilitation bei TOS aus?
Im Zentrum steht ein Mix aus Dehnungen und gezielter Kräftigung (Novak et al., 1995). Häufig reduziert man dabei die Spannung im Brustbereich und stärkt zugleich Muskulatur rund um Schulter und Nacken. Eine angemessene Atemtechnik bringt Entlastung, da verspannte Haltungen gemildert werden können.
Erweiterte Trainingsansätze bei TOS
Zitierte Übersichtsarbeiten (Derick et al., 2022) beschäftigen sich vor allem mit dem neurogenen Thoracic Outlet Syndrom. Folgende Punkte sind besonders oft genannt:
- Scapulafokussierte Programme
- Zweck: Schulterblattkontrolle verbessern, um Druck vom betroffenen Gebiet zu nehmen.
- Vorgehen: Übungen in verschiedenen Schulterstellungen, oft mit leichtem Widerstand.
- Neurale Mobilisation (Slider, Tensioner)
- Idee: Nervenbeweglichkeit erhöhen, mögliche Irritationen mildern.
- Hinweis: Zuerst sanfte Slider, später allmähliche Steigerung der Dehnintensität.
- Atemtechniken und Ausdauer
- Ansatz: Entlastung der Halsmuskulatur durch mehr Zwerchfellatmung, plus leichte Ausdauereinheiten wie Walking.
Beispielprogramm nach Watson et al. (2016)
Grundprinzip: Ursprünglich entwickelt für mehrdimensionale Schulterinstabilitäten.
- Übungsfolge:
- Skapulaposition in neutraler Armhaltung
- Shrug in leicht abgewinkelter Position (ca. 20–30° Abduktion)
- Schrittweise Erhöhung des Bewegungsumfangs (45–90° Abduktion, später >90° Flexion)
- lltags- und sportnahe Übungen mit konsequenter Schulterblattansteuerung
- Umfang: Jeweils rund 20 Wiederholungen in drei Sätzen. Bei guter Verträglichkeit kann man später Zusatzgewichte (0,5 kg) integrieren.
Kritische Betrachtung
Manche Studien fokussieren auf biomechanische Ursachen (Derick et al., 2022) und vernachlässigen psychosoziale Faktoren. Häufig fehlt eine zuverlässige Prüfung, ob die oft erwähnte „Haltungskorrektur“ tatsächlich für weniger Beschwerden sorgt. Außerdem existiert wenig Forschung in Form echter Kontrollstudien.
Für die Praxis ergibt sich dennoch ein hilfreicher Leitfaden. Wer sich an scapulabasierten Trainings orientiert, sollte individuell ermitteln, was passt. Eine Mischung aus Dehnungen, Kraft- und Atemarbeit erweist sich laut Praxisberichten häufig als günstig. Wichtig ist ein langsamer Progress, also nach und nach Wiederholungszahlen oder Gewichte anpassen, damit sich keine Überlastung einschleicht.
Wie verläuft die Genesung und wann kann ich wieder Sport treiben?
Das hängt von der Art und Dauer der Beschwerden und dem gewählten Vorgehen ab. Wer operiert wurde, muss oft einige Wochen auf intensivere Beanspruchung verzichten und dann rehabilitativ Schritt für Schritt aufbauen (Axelrod et al., 2001). Konservative Wege nehmen möglicherweise mehrere Monate in Anspruch, ehe spürbare Veränderungen eintreten. Wer in den Sport zurückkehrt, spricht am besten mit dem zuständigen Fachpersonal, um Überbeanspruchung zu vermeiden.