Temporomandibuläre Störungen (TMD), teils auch Craniomandibuläre Dysfunktion (CMD) genannt, können Schmerzen und Einschränkungen im Kiefergelenk (Articulatio temporomandibularis) sowie in der Kaumuskulatur auslösen. Betroffene klagen häufig über Kiefergelenkschmerzen, nächtliches Zähneknirschen (Bruxismus) oder eine geringere Mundöffnung. Fachleute aus Physiotherapie, Sportwissenschaft und Zahnmedizin begegnen diesem Thema in ihrer Praxis immer wieder. Nachfolgend finden Sie einen kompakten Überblick zu Symptomen, Ursachen, Diagnose und Therapieansätzen rund um TMD.
Was sind temporomandibuläre Störungen (TMD) und warum sind sie relevant?
TMD beschreibt verschiedene Probleme im Kausystem, das Kiefergelenk, Kaumuskulatur und umliegende Strukturen einschließt. Treten Schmerzen oder Funktionsbeeinträchtigungen in diesem Bereich auf, spricht man von Kiefergelenkserkrankungen. Im Alltag kann das zu Beschwerden beim Kauen, Sprechen oder Gähnen führen. Zähneknirschen (umgangssprachlich CMD-Beschwerden) oder das typische Knacken im Gelenk gehören häufig dazu. Da TMD nicht nur unangenehm ist, sondern den Alltag erheblich beeinträchtigen kann, lohnt es sich, genauer hinzuschauen.
Welche Symptome und Beschwerden treten bei TMD auf?
Zu den Anzeichen zählen oft Schmerzen im Kiefer, hör- oder fühlbare Klickgeräusche und Blockaden beim Öffnen des Mundes. Manche erleben Kopfschmerzen oder Migräne, insbesondere wenn die Kaumuskulatur stark verspannt ist. Abrieb an den Zähnen durch Zähneknirschen (Bruxismus) ist ebenfalls ein möglicher Hinweis. Wer morgens mit Schmerzen in den Kiefermuskeln aufwacht, könnte unbewusst nachts pressen oder knirschen. Manche beschreiben das nächtliche Knirschen sogar wie das Quietschen alter Dielen – kein Wunder, dass das Kiefergelenk sich dann meldet.
Wie häufig ist TMD und wer ist besonders gefährdet?
Man geht davon aus, dass rund 10–12 Prozent der Bevölkerung TMD entwickeln. Allerdings suchen nur wenige eine spezialisierte Behandlung auf (Visscher et al., 2015). Vor allem Menschen zwischen 20 und 50 Jahren sind häufiger betroffen. Statistische Daten deuten zudem darauf hin, dass Frauen etwas anfälliger sind. Auch Jugendliche zeigen mitunter erste Symptome wie leichtes Knacken oder kurzfristige Gelenkblockaden.
Welche Ursachen und Risikofaktoren liegen TMD zugrunde?
Ein wesentlicher Faktor ist Bruxismus, das unbewusste Zusammenpressen oder Knirschen der Zähne, vor allem im Schlaf (van der Meer et al., 2017). Diese Dauerbelastung strapaziert die Kiefermuskeln und kann Schmerzen im Mund-, Kopf- oder Gesichtsbereich begünstigen. Auch innere Anspannung oder Sorgen sind oft beteiligt. Manche Personen bringen genetische Voraussetzungen mit (Visscher et al., 2015). Wer insgesamt stark verkrampft, überträgt diese Spannung leicht auf den Kiefer.
Wie erfolgt die Diagnose von TMD in der klinischen Praxis?
Zunächst fragt die Fachkraft nach Symptomen wie Kiefergelenkschmerzen, Knackgeräuschen und Beschwerden in den Kaumuskeln. Anschließend wird geprüft, ob Schmerzen beim Öffnen oder Zusammenbeißen des Mundes auftreten. Mithilfe spezieller Kraft- oder Dehnungstests lässt sich feststellen, ob eher die Muskulatur oder das Gelenk betroffen ist (Visscher et al., 2009). Manchmal werden auch knackende Geräusche mithilfe eines Stethoskops abgehört. Früher war das Auslösen von Schmerzpunkten durch intensives Abtasten der Kaumuskeln Standard, doch neuere Untersuchungen lassen vermuten, dass selbst unauffällige Personen dabei Schmerzen verspüren (Türp et al., 2001).
Welche Behandlungsmöglichkeiten gibt es und wie wirksam sind sie?
Oft reichen nicht-chirurgische Ansätze aus. Eine Okklusale Schiene (oft Knirscherschiene genannt) entlastet das Gelenk und verringert übermäßigen Druck. Bei ausgeprägteren Beschwerden kann die Manuelle Therapie (speziell bei TMD) unterstützen, zum Beispiel durch behutsame Mobilisations- oder Dehntechniken. Chirurgisches Vorgehen ist selten nötig und wird vor allem bei Verletzungen oder hartnäckigen Fällen erwogen. Einige Studien weisen darauf hin, dass auch die Körperhaltung eine Rolle spielt, doch die Datenlage ist hier nicht einheitlich (Wright et al., 2000).
Welche Rolle spielen Physiotherapie und multidisziplinäre Ansätze bei TMD?
In vielen Fällen arbeiten Zahnmedizin, Physiotherapie und manchmal auch Psychologie eng zusammen. So werden nicht nur das Kiefergelenk, sondern auch Stresslevel und Alltagsroutinen beachtet. Spezielle Übungsprogramme für die Kaumuskeln und ein gelassenerer Umgang mit Belastungen können effektiv sein. Außerdem kann eine Aufbissschiene eingesetzt werden, um nachts die Gelenke zu schonen. Wer oft mit verspannten Kaumuskeln kämpft, kann von spezifischen Übungen profitieren, die die Beweglichkeit steigern und die muskuläre Anspannung senken.
Im ersten Schritt setzt man häufig auf konservative Methoden wie Physiotherapie (Manuelle Therapie, Myofeedback) oder eine individuell gefertigte Schiene. Auch Medikamente wie nichtsteroidale Antirheumatika (NSAR) oder bestimmte Antidepressiva kommen bei Bedarf zum Einsatz. Als minimalinvasive Option werden gelegentlich Injektionen (zum Beispiel Hyaluronsäure oder Botox) diskutiert. Chirurgisches Vorgehen wird als letzte Wahl betrachtet und nur in speziellen Situationen erwogen.
Kurzfristige Wirksamkeit
Mehrere randomisierte Studien (RCTs) belegen, dass Botox-Injektionen im Vergleich zu Placebo die Schmerzintensität bei TMD für ungefähr einen bis drei Monate merklich senken. Eine zusammenfassende Auswertung ergab einen standardisierten Mittelwertunterschied (SMD) von -0,73 (95 %-Konfidenzintervall [CI] = -1,17 bis -0,29) nach einem Monat und -0,65 (95 % CI = -1,11 bis -0,19) nach drei Monaten. Das deutet auf eine deutliche Linderung hin, speziell für Patienten mit ausgeprägter Muskelaktivität im Kieferbereich. Eine Veröffentlichung im Journal of Oral and Maxillofacial Surgery berichtete ebenfalls über reduzierte Schmerzen und bessere Kieferfunktion bei Betroffenen mit muskelbedingter TMD (Efficacy of Botulinum Toxin in TMD)
Langfristige Wirksamkeit
Langfristig sind die Ergebnisse jedoch weniger eindeutig. Nach sechs Monaten ließ sich kein substanzieller Unterschied gegenüber Placebo feststellen (SMD = -0,43, 95 % CI = -1,00 bis 0,14). Daher könnte die Wirkung von Botox zeitlich begrenzt sein, sodass wiederholte Injektionen nötig werden. Ein Cochrane-Review stellte fest, dass es zwar einige Hinweise auf kurzfristige Vorteile gibt, die Qualität der Daten für den Langzeitnutzen aber als niedrig eingestuft wird und weitere hochwertige Studien erforderlich sind (Cochrane Review on Botox for TMD).
Wie beeinflussen psychosoziale Faktoren und Stress das Beschwerdebild?
Stressbedingtes Zusammenbeißen der Zähne ist weit verbreitet. Viele neigen in anstrengenden Lebensphasen zum unbewussten Anspannen des Kiefers. Dieser Dauerdruck reizt Muskulatur und Gelenk, was TMD begünstigen kann (Visscher et al., 2002). Außerdem können Ängste oder depressive Verstimmungen dafür sorgen, dass Schmerzen intensiver wahrgenommen werden. Entspannungsverfahren, Atemübungen und Stressmanagement können hier Entlastung bringen.
Wie hängen TMD und Kopfschmerzen, insbesondere Migräne, zusammen?
Nicht selten treten Kiefergelenkbeschwerden und Migräne parallel auf. In einigen Studien wurde eine erhöhte Migränehäufigkeit bei TMD nachgewiesen (Yakkaphan et al., 2022). Wer davon betroffen ist, findet häufig in einer Kombination aus schmerzlindernden Verfahren und muskulärer Entspannung eine spürbare Besserung. Das nächtliche Tragen einer Aufbissschiene mindert manche Kopfschmerzarten. Aus Sicht der Kopfschmerzklassifikation wird TMD teils als Auslöser für sekundäre Kopfschmerzen betrachtet (Olesen, 2018). Bei anhaltendem Kopfweh mit Verdacht auf Kiefergelenkbeteiligung empfiehlt sich eine fachübergreifende Abklärung.
Gibt es Möglichkeiten zur Vorbeugung oder Selbsthilfe bei TMD?
Viele finden es hilfreich, tagsüber immer wieder die Position des Kiefers zu lockern. Eine simple Methode: Zähne nicht aufeinanderpressen, Lippen entspannt geschlossen halten. Wer Knirschen bemerkt, kann kurze Pausen einlegen, um bewusst zu entspannen. Leichte Dehnungen zu Hause können helfen, die Kaumuskulatur zu lockern. Bei stärkeren Schmerzen bieten physiotherapeutische oder manualtherapeutische Maßnahmen meist weitere Optionen, um gegen die Ursachen vorzugehen.